Liebe Thomasgemeinde

Im Oktober liegt der Urlaub für die meisten schon wieder weit zurück und der Alltag bestimmt das Lebensgefühl. Gut, dass es manchmal Urlaubserlebnisse gibt, die noch länger nachklingen, so wie dieses: Wintereinbruch in den Allgäuer Alpen Anfang September. Den ganzen Tag über haben wir uns zuerst durch strömenden Regen und dann in der Höhe durch Schneetreiben gekämpft, mit Vorsicht einige rutschige und abschüssige Stellen bewältigt und nun sitzen wir abends sicher in der warmen Hütte. Das Gespräch in der Gruppe der Bergwanderer kreist darum, dass die Berge etwas ganz Wunderbares sind, dass man aber den Respekt vor ihnen nie verlieren darf. Sie sind nie einfach nur harmlos.

Zwei Tage später, wieder im Tal, geht es dann plötzlich um Glaube und Religion, um Gott und das Leid in der Welt. Mir fällt die biblische Geschichte von Hiob ein. Ein frommer Mann, der alles verliert, Besitz, Familie, Gesundheit. Freunde kommen, um ihn zu trösten. Sie meinen es gut, aber Hiob will keine frommen Ratschläge hören. Mit all seiner Kraft ringt und kämpft er mit Gott und kommt schließlich staunend zu der Erkenntnis, dass er Gott auf diesem schwierigen und leidvollen Weg erst wirklich kennen gelernt hat: „Herr, ich kannte dich nur vom Hörensagen, jetzt aber habe ich dich mit eigenen Augen gesehen!“ (Buch Hiob, Kap 42, Vers 5) Ja, vielleicht, sagt einer, vielleicht ist es mit Gott ähnlich wie mit den Bergen. Er ist nicht einfach harmlos und lieb. Manchmal ist es ein mühsamer Kampf mit ihm. Doch es lohnt sich, gerade dann, wenn schwere Zeiten kommen, ihn beim Wort zu nehmen so wie Hiob es getan hat. Dann kann es sein, dass wir irgendwann umso mehr staunen über seine Schönheit und Herrlichkeit.

Ich wünsche Ihnen gute Erfahrungen auf den Wegen durch diesen Herbst, besonders dann, wenn der Weg einmal steil und mühsam werden sollte!

Pfarrer Martin Renger,Seelsorger am Uniklinikum und Leiter der Klinischen Seelsorgeausbildung (KSA).