Anregungen aus der Klinikseelsorge für Besuche am Krankenbett

1. Besuche sind die wichtigste Brücke zwischen dem Leben draußen und dem so ganz anderen Leben im Krankenhaus. Wer als Kranker besucht wird, erfährt: Die anderen haben mich nicht vergessen. (Als christliche Motivation vgl. Matth 25,36 „Ich war krank und ihr habt mich besucht.“)

2. Mit Rücksicht auf den medizinisch-pflegerischen Betrieb des Krankenhauses ist es sinnvoll, sich an Besuchszeiten zu halten. Doch können in Notfällen, z.B. bei Schwerkranken, mit dem Stationspersonal auch andere Absprachen getroffen werden.

3. Einen Kranken zu besuchen, bedeutet immer, über eine Schwelle zu gehen zwischen draußen und drinnen, vermeintlichem Gesundsein und Kranksein. Dabei kann sich bei dem Besuchten wie bei dem Besucher ein Gefühl von Fremdheit einstellen.

4. Der Weg zum Kranken braucht besonders die Bereitschaft, sich auf seine Bedürfnisse einzulassen. Das heißt: es wird kein Besuchsprogramm abgespult, sondern leitend ist die Frage, was für den Kranken gerade dran ist: Erzählen oder erzählen lassen? Miteinander traurig sein oder sich über eine Besserung freuen? Still beieinander sitzen, vielleicht die Hand des Besuchers halten oder auch nicht?

5. Eigene Krankheitsgeschichten und Ratschläge gehören nicht in einen Krankenbesuch. Der Besuchte entscheidet, ob und wie viel er über seine Erkrankung sprechen möchte. Wenn der Besucher dieses Thema allerdings bewusst vermeidet, lässt er den Kranken damit im Stich.

6. Nehmen Sie sich, wenn es möglich ist, einen Stuhl. Wenn Sie stehen, wirken Sie so groß und der Kranke hat den Eindruck, dass Sie keine Zeit haben. Das Bett des Kranken ist sein letzter privater Bereich. Wenn aktuell geltende Hygieneregeln dies zulassen, dürfen dort ausschließlich nächste Angehörige sitzen, wenn der Kranke sie dazu eingeladen hat.

7. Wer lange Zeit im Krankenhaus liegen muss, wird „dünnhäutig“, d.h. hoch sensibel für alle Missachtungen seiner Grenzen und Bedürfnisse, auch misstrauisch gegenüber Beschwichtigungen und Täuschungen. Verständnis und Aufrichtigkeit des Besuchers lassen den Kranken in seiner Situation nicht allein.

8. Trost geschieht nicht durch vertröstende Äußerungen („Das schaffst du schon…“). Trost geschieht auch nicht durch Mitleid. Trost geschieht, wenn ein vertrauter Besucher bereit ist, bei dem Kranken zu sein, zu hören und zu sehen, wie es ihm geht, und dies mit ihm auszuhalten. Haben Sie keine Angst vor Gesprächspausen. Auch im gemeinsamen Schweigen kann viel geschehen.

9. Besucht zu werden strengt auch an. Familienmitglieder sollten nicht alle auf einmal kommen, sondern sich nach Möglichkeit mit den Besuchen abwechseln. Die Dauer hängt vor allem vom Befinden des Kranken ab. Für einen Schwerkranken können 10 bis 20 Minuten schon sehr viel sein. Wichtig ist das verlässliche Versprechen, wieder zu kommen. Lassen Sie bei längerer Krankheit den Kontakt zum Kranken nicht abbrechen.

10. Auch ein Schwerkranker auf der Intensivstation, von dem möglicherweise gesagt wird, „er sei bewusstlos und nicht ansprechbar“, braucht dringend Besuche von vertrauten Menschen. Wenn auch nicht wachbewusst, so kann er doch erfahren, dass er nicht allein gelassen wird von den Menschen, die zu ihm gehören. Er braucht deren stellvertretende Hoffnung und Fürbitte. Das kann ihn wesentlich unterstützen auf dem Weg durch die Krise des Krankseins. Klinikseelsorger, aber auch Gemeindepfarrer/innen stehen den Angehörigen bei solchen belastenden Besuchen gerne zur Seite, wenn dies gewünscht wird.

Jürgen Floß, Klinikpfarrer Seelsorge am Uniklinikum WürzburgTHOGRÜSpangenberg