Kreuzwege als Störfaktoren

 In katholischen Kirchen gibt es sie oft: Kreuzwegbilder, die an Szenen der Leidensgeschichte Jesu erinnern, angefangen von der1 Verurteilung durch Pilatus bis zur Grablegung. Sie laden ein, vor den einzelnen Szenen Station zu machen, zu singen, zu beten, inne zu halten.

Mich faszinieren sie. Dann und wann mache ich das ganz bewusst: lasse die eine oder andere Darstellung auf mich wirken, verharre bei einer der abgebildeten Stationen, komme ins Nachdenken, ins Grübeln – tauche tief ein in die Erdenschwere.

Kreuzwege sind Störfaktoren. Das Kreuz selbst ist ein Skandal! – Sogar die Apostel haben das so gesehen. Dennoch: sie sind nicht geflohen vor diesem trüben, schweren Thema, sondern haben sich mit dem Störfaktor „Kreuz“ auseinander­gesetzt, ihm ins Auge gesehen.

Mir scheint heute, da die Werbung uns eine Welt voller Lust und Schönheit vorgaukeln will, und Leid, Schuld und Tod oft weggedrängt oder schlicht abgeblendet werden, sind diese als Störfaktoren besonders wichtig.

Kreuz und Kreuzwegbilder zeigen uns auf alle Fälle die andere, die dunkle Seite des Menschseins. Und die gibt es eben auch.

Kreuzwegbilder zeigen uns aber auch jenen Gott, der freiwillig mit uns ins Dunkel und durch das Dunkel hindurch geht – bis es wieder licht wird. So lassen moderne Künstler den Kreuzweg manchmal in eine 15. Station, in ein Osterbild münden: „Jesus ist auferstanden“. Es stimmt ja: Gott kann aus jedem Karfreitag einen Ostersonntag blühen lassen. Dieser Glaube trägt auch heute.

Herzliche Einladung zu den Störfaktor-Passionsandachten, die ab 14. März regelmäßig jeden Freitag um 18.30 Uhr in der Thomaskirche stattfinden und eine gesegnete Passionszeit wünscht Ihnen       Ihre Pfarrerin Karin Jordak