Der „ungläubige“ Thomas

1Auf den ersten Blick klingt es ziemlich negativ:

Thomas, der Jünger Jesu, als Zweifler;

Thomas, der Zwilling.

Dabei ist zweifeln ein Vorrecht des Menschen. Kein Baum, keine Pflanze, auch kein Tier kann fragen, wählen, abwägen, entscheiden oder zweifeln. Bei den Indianern heißt Zweifel: Zwei Gedanken. Zwei Möglichkeiten also zu entdecken, zwei Seiten zu bedenken.

Wenn ich ein Thema oder eine Sache ausgefragt, abgewägt, von zwei Seiten angeschaut habe, überzeugt bin, dann kann ich es glauben. Eine Glaubensentscheidung setzt also die Fragen und die Zweifel dringend voraus, und wenn ich überzeugt bin, glaub ich daran.

Glaube und Zweifel gehören also unbedingt zusammen. Zweifel ist der Zwillingsbruder des Glaubens. So gesehen ist uns Thomas, der Zweifler, der Zwilling, doch ganz sympathisch.

Schön, dass unsere Kirche Thomaskirche heißt – Thomas, ein Vorbild für uns.

Jesus verurteilt nicht den Zweifel, sondern den Unglauben, der entsteht, wenn ich

nicht beide Gedanken durchdacht habe und auf einer Seite stehen bleibe.

Herzliche Grüße von Friedl Seeger,

Kirchenvorsteherin und Diakonie-Beauftragte der Thomasgemeinde